Gastbeitrag

Du machst Pläne und dann kommt das Leben!

23/07/2022

Gastbeitrag von Katharina Hülsken

Du machst Pläne und dann kommt das Leben!

Eigentlich sollte dieses Jahr für mich und uns als Familie ganz anders laufen.
Doch wie es oft so ist, du machst Pläne und dann kommt das Leben dazwischen.

Silvester 2021 hielt ich ihn in der Hand, den positiven Schwangerschaftstest. Vom ersten Schock, da ich damit überhaupt nicht so schnell gerechnet hatte, machte sich ganz leise die Freude breiter. Freude und Glück, dass wir dieses Wunder wirklich ein zweites Mal erleben dürfen.

Ich kann nicht sagen, dass ich mich die ersten Wochen übermäßig gefreut habe. Ich war platt, müde und schon jetzt außer Puste, was die Ärztin mir mit meinem niedrigen Blutdruck begründete. Doch irgendwie blieb die ganze Zeit das Gefühl, dass es anders ist, dass es irgendwie komisch ist.

Zudem machten sich die vielen Gedanken bemerkbar. Denn wir haben gerade für das Jahr 2022 viel vor. Was passiert mit dem Hausumbau, was mit der Selbstständigkeit, wie geht es weiter?
Und natürlich die ersten 12 kritischen Wochen, in denen so viel passieren kann. Es heißt alles oder nichts.

Richtig glauben konnte ich es die ersten 12 Wochen immer noch nicht. Das Leben ging natürlich weiter, der Alltag, die Familie, wir als Paar, das Business und der Hausumbau fing langsam an.

In der 13. Woche ging ich zur ersten großen Untersuchung inklusive Nackenfaltenmessung.
Alles Tipptopp in Ordnung. Wächst und gedeiht prächtig.
Ab da war ich erleichtert, freute mich so sehr. Alle Gedanken waren fort und ich überaus positiv gestimmt. Mir ging es körperlich wieder besser und die Hormone schienen sich eingespielt zu haben.

Wir erzählten es noch am selben Tag unserem 4-jährigen Sohn, der sich so sehr freute, dass mein Herz hüpfte. Das war der Zeitpunkt, wo sich auch bei mir das Gefühl der Freude immer größer wurde. Trotzdem war in mir, ganz tief innen drin, immer noch ein Gefühl, welches ich nicht richtig fassen konnte. Ein Gefühl der Zurückhaltung.

Nichtsdestotrotz genoss ich die Freude, die da war und der Alltag pendelte sich wieder ein.

2,5 Wochen später, ich war Anfang der 16. Schwangerschaftswoche, war ich zur ganz normalen Schwangerschaftsvorsorge bei meiner Ärztin. Die Hebamme machte die Voruntersuchungen und hörte das erste Mal von außen die Herztöne ab.

Doch was dann kam, hat meine Welt für einige Zeit aus den Angeln gerissen.

Ultraschall

Die Ärztin fing mit dem Ultraschall an. Erst vaginal und innerlich dachte ich dabei sofort, wo ist das Baby? Fragte sie dann, ob es mittlerweile zu groß sei, was sie bejahte und vom Bauch ausschalte.
Mir war sofort anders, denn ich konnte mein Baby und den Herzschlag nicht erkennen. Es war einfach anders als sonst. Mein Baby war nicht richtig zu sehen, keine Kindsbewegungen und auch der Herzschlag nicht. Ich fragte mich die ganze Zeit, wo ist das Herz … wo ist das Herz.
Nach mehrmaligem hin und her auf meinem Bauch, schaute meine Ärztin mich an und sagte: „Es tut mir leid, ich sehe keinen Herzschlag mehr.“

Es war wie in einem schlechten Film. Als wenn ich von außen zusehe. Völlig machtlos, hilflos und allein.
Ich dachte, dass sich meine Welt nicht mehr weiterdreht, bis ich merkte, sie drehte sich weiter, nur ich im Moment nicht mit.

WARUM?

Eine Frage, die ich mir so oft in den Stunden und Tagen danach gestellt habe.

WARUM?

Es war doch alles gut. Was ist der Grund? Was habe ich falsch gemacht? Habe ich versagt? Wieso passiert uns das? Es hat doch schon einmal funktioniert, warum jetzt? Was passiert jetzt? Wie geht es weiter? Ist mit mir etwas nicht richtig? Wie bringe ich das unserem Sohn bei?

So viele Fragen kreisten in meinem Kopf und gleichzeitig wusste ich, dass ich darauf keine Antwort finden werde.

Ich wurde in der Praxis von der Hebamme vor Ort gut aufgefangen. Sie erklärte mir alles, wie es nun weitergeht. So richtig weiß ich heut nicht mehr, was sie mir alles mit auf den Weg gegeben hat. Am liebsten hätte ich mich in eine Ecke verkrochen und nur geweint.
Für mich stand allerdings fest, dass das Baby aus meinem Bauch rausmuss und das am besten sofort. Den Gedanken zu ertragen, dass ich ein kleines Lebewesen tot in mir herumtrage, war für mich schrecklich. Deswegen stand für mich fest, dass ich sofort ins Krankenhaus fahren werde und wir dort alles Weitere besprechen.

Im Krankenhaus

Mein Mann kam mit und was dann folgte, war für mich eine Prozedur. Langwierig, mit viel Geduld und vielen Tränen.
Im Krankenhaus angekommen sollten wir uns beim Oberarzt melden, mit dem meine Frauenärztin telefoniert hatte. Dieser war aber nicht verfügbar und es kam ein junger Assistenzarzt. Bitte nicht falsch verstehen, ich habe überhaupt nichts gegen Assistenzärzte oder junge Ärzte. Doch in solch einer Situation hätte ich mir einfach mehr Einfühlungsvermögen gewünscht und nicht ein Vorgehen nach dem Lehrbuch. Und ich möchte jede Frau (und auch jeden Mann) dazu aufrufen, wenn ihr etwas nicht möchtet, bitte kommuniziert das. Lasst es nicht einfach über euch ergehen, nur weil das so gemacht wird. Vertraut eurem Gefühl und kommuniziert das auch den Ärzten gegenüber und wenn ihr es nicht könnt, dann vielleicht euer Partner/Partnerin. Steht für euch ein, denn es ist euer Körper und euer Leben!

Unser Baby war schon zu groß, sodass ich es auf natürlichem Weg zur Welt bringen musste. Eine Horrorvorstellung für mich. Doch im Nachhinein hat es mir geholfen. Mir Kraft gegeben und ich konnte mich von unserem Sternchen verabschieden. Ich konnte ihn sehen, mich bedanken für die kurze, intensive und gemeinsame Zeit und ihn gehen lassen.

Im Krankenhaus sagte uns der Chefarzt, dass die meisten Schwangerschaften in Abgängen und Fehlgeburten enden. Nur die meisten Menschen wissen das gar nicht.
Das hat mich entsetzt, denn das wusste ich selber auch nicht. Unfassbar, dass das kaum jemand weiß und dass es so unglaublich viele Betroffene gibt. Ein Tabuthema, welches, wie ich finde, keins sein darf. Deshalb war mir sofort klar, dass da Aufklärung geschehen darf.

Ich und wir haben sehr viel darüber geredet und tun es immer noch. Es hat mir sehr geholfen, damit umzugehen. Tatsächlich ist es unglaublich wie vielen Frauen und Familien es ähnlich geht. Wie viele mir ihre Geschichte erzählt haben, wovon ich vorher nichts wusste. Vielleicht weil sich nicht getraut wurde darüber zu berichten, man Scham hat, Angst hat versagt zu haben, die Gesellschaft nicht weiß, wie sie damit umgehen soll. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es kein Tabuthema sein darf. Deswegen teile ich meine Geschichte, werde darüber ein Buch schreiben. Denn wenn ich damit nur einer Person helfen kann, dann hat es sich schon gelohnt.

Dann kommt das Leben

Abschied nehmen

Unser Sternchen Toni wacht jetzt aus dem Himmel über uns. Wir haben ihn für uns beerdigt auf dem Grab meines Opas, ganz allein nur für uns. Auch das war ein Riesenkraftakt nach den ohnehin schon schlimmen Ereignissen, denn das Krankenhaus hat sich gegen bestehende Gesetzgebungen versucht zu wehren. Wollte uns unser Kind nicht herausgeben.

Ich möchte dir an dieser Stelle mitgeben, dass du Rechte hast und du darfst für sie einstehen. Lass dich nicht kleinreden, sondern sag ganz klar, was du willst. Du musst in einer solchen Situation nicht wissen, welche Möglichkeiten es gibt, dafür gibt es Experten, wie Hebammen, Ärzte etc. Meine Hebamme hat uns dabei sehr geholfen, war sofort da und hat uns auch aufgeklärt welche Möglichkeiten es gibt.

Uns hat es geholfen, dass wir uns gemeinsam verabschieden konnten. Danach wurde es leichter. Es war wie ein Abschluss.

Ich weiß heute, dass ich niemals eine Antwort auf das Warum kriegen werde. Ich weiß, dass es da Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir nicht begreifen können. Und dass es nicht für alles im Leben eine Erklärung oder einen Grund gibt.
Vor allem weiß ich aber auch, dass niemand und auch ich nicht etwas dafür kann.

Ich sehe es eher so, dass mein Körper großartiges geleistet hat. Denn irgendetwas war nicht in Ordnung, das hat mein Körper erkannt und entsprechend gehandelt. Und auch wenn es sich vielleicht kurios anhört, ich bin ihm dankbar dafür. Dankbar, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Und wahrscheinlich hat mein Unterbewusstsein von Anfang an gespürt, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.

Verständnis haben

Wichtig ist trotz allem, dass jeder eine ganz andere Art hat, mit so einem Schicksalsschlag umzugehen. Es gibt kein richtig und kein falsch. Auch für Außenstehende nicht, die oftmals überhaupt nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Und ich kann es verstehen.
Mir hat geholfen, Verständnis zu haben. Verständnis für mich und meine Trauer, meine Gefühle und auch für meine Mitmenschen. Mein Mann, der anders trauert wie ich, für Familie, die es nicht ansprechen möchten aus Angst eine Wunde wieder aufzureißen und für Außenstehende, die überhaupt nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.
Was mir geholfen hat, ist, offen damit umzugehen und darüber zu reden. Meinen lieben Mitmenschen die Scheu zu nehmen und es von mir aus anzusprechen.
Es gibt Phasen der Trauer und er Veränderung, die ich von meiner beruflichen Seit her kenne. Dieses Wissen darum hat mir enorm geholfen, mich selbst zu fühlen und wahrzunehmen. Meiner Trauer ihren Raum zu geben und meine Tiere zu haben, die mir bei der Verarbeitung enorm geholfen haben.
Und auch wenn du für dich Unterstützung brauchst, dann bitte nimm sie dir. Genau dafür gibt es Spezialisten und entsprechende Anlaufstellen.

Für mich hilft es nach vorne zu schauen, denn so traurig und schlimm es ist. Das ist das Leben und ich entscheide selbst, wie ich damit umgehe.

Alles Liebe

Deine Katharina

 

Katharina bietet pferdegestütztes Coaching an.

Wer mehr über ihre Arbeit erfahren möchte, kommt HIER zu ihrer Seite.

Und HIER findet ihr sie bei Instagram.

 

Vielen dank, liebe Katharina, für diesen Einblick in dein Leben.

Wer Lust auf noch mehr Gastbeiträge hat, kann HIER noch einmal stöbern.

 

 

 

5 Kommentare

  • Antworten Martina 23/07/2022 at 21:47

    Liebe Katharina,
    ich bin außerordentlich berührt und danke Dir für Deine offene Schilderung des traurigen Ereignisses.
    Wir werden im Leben oft ungefragt vor extreme Situationen gestellt und können uns dann kaum vorstellen,
    dass es danach weitergeht. Es ist unglaublich schwer, einen Schicksalsschlag wie diesen zu überwinden und
    ich bin sicher, dass Du es schaffen wirst. Alles Gute für Dich und Deine Familie.
    Liebe Grüße,
    Martina

  • Antworten Helen 24/07/2022 at 21:18

    Liebe Katharina,
    alles Liebe und weiterhin viel Kraft und Mut und gute Gedanken für Dich.
    Herzliche Grüße, Helen

  • Antworten Andrea 25/07/2022 at 13:56

    Liebe Katharina,
    ich finde es sehr gut, dass Du Deine Geschichte hier für uns aufgeschrieben hast. Ich bin sehr beeindruckt.
    Ich bin selbst Anwältin und häufig angefragt, wenn Ärzte nicht empathisch agieren oder eben Rechte in Krankenhäusern nicht ausreichend geachtet werden. Ich kann nur unterstützen, dass es wichtig ist, seine Empfindungen auch im Krankenhaus zu äußern, egal, ob man recht hat oder nicht. In erster Linie geht es darum, auch im Krankenhaus das dortige (ständig überforderte und auch deshalb so agierende) Personal daran zu erinnen, dass sie mit Menschen arbeiten.
    Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute, viel Kraft und bewundere die bei Dir so gut geschilderte Bereitschaft anzuerkennen, dass es kein Falsch oder Richtig im Umgang mit Trauer und dem Tod gibt. Denn da hast Du sehr recht. Liebe Grüße Andrea

  • Antworten Momo 27/07/2022 at 13:28

    Hallo,
    vor über 20 Jahren war ich mit unserem 3. Kind schwanger. Wie bei Dir stellte man im 4. Monat fest, dass das Kind im Mutterleib kleiner, statt größer wird. Es wollte nicht leben. Aber anders als bei Dir, sagte mir niemand, ob es ein Mädchen oder ein Junge war. Ich musste Wehenmittel nehmen. Dann wurde ich noch ausgeschabt (schreckliches Wort dafür). Das war’s dann. Wie oft habe ich mich schon gefragt, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Aber ich bekam da gar nichts zu Gesicht, geschweige denn ein Gespräch. Heute ist man vielleicht doch schon etwas weiter und redet über solche „natürlichen“ Vorgänge, die es leider so oft gibt. Ich wurde drei Jahre später wieder schwanger und alles ging diesmal gut. Wir haben inzwischen drei erwachsene Söhne(:-)

  • Antworten Anke Tapken 28/07/2022 at 0:33

    Liebe Katharina,
    Ich habe nach der Geburt unseres mittlerweile 10jährigen Sohnes drei Fehlgeburten durchlitten und auch wenn es jetzt acht Jahre her ist, stelle ich mir immer wieder die Frage „warum“? Es wird mit der Zeit leichter, diese Tatsache zu akzeptieren, aber schmerzen tut es immer wieder. Ich wünsche mir, dass es einen Sinn hatte, und dass die Natur alles richtig gemacht hat, so wie du schreibst. Das Leben ist nicht immer einfach zu verstehen.
    Liebe Grüße, Anke

  • Antworten

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