Briefwechsel

Briefwechsel | In die weite Welt hinaus

13/10/2019

In die weite Welt hinaus

Liebe Andrea,

Wieder mal musste ich über die vielen Parallelen in unserem Leben schmunzeln, bei Deinem letzten Brief an mich. Auch ich wollte früh In die weite Welt hinaus und bin mit 18 zu Hause ausgezogen. Ohne meine Eltern im Vorfeld darüber zu informieren, dass ich überhaupt vorhabe, mit meiner Freundin Jule zusammen zuziehen.

Ich war im letzten Jahr meine Ausbildung (genau wie Du beim Anwalt) und hatte eigentlich gar nicht genug Kohle. Dafür aber das unsagbare Bedürfnis, mich meinen Eltern als Babysitter für meine 10 Jahre jüngere Schwester zu entziehen.
Zwar mussten meine Schwester und ich uns kein Zimmer teilen, doch da ich zu der Zeit ziemlich partywütig war, wollte ich einfach meine Freiheit haben und ein selbstbestimmtes Leben führen.

So bin auch ich in einer Hau-Ruck-Aktion ausgezogen. Im Sommer. Ohne Kühlschrank. Wir hatten noch nicht mal mehr genügend Geld, um unser Wohnzimmer zu tapezieren. Hauptsache wir konnten unser eigenes Ding machen. Es hat sich wunderbar angefühlt.

Eine Woche nach meinem Auszug habe ich etwas bei meinen Eltern abgeholt und mein Vater sagte mir, dass meine Mutter den ganzen Abend geweint hätte, an dem Tag, als ich ausgezogen bin. Wieder eine Woche später war in meinem alten Zimmer das Schlafzimmer meiner Eltern, die bis dahin eine Schlaflösung im Wohnzimmer hatten, um ihren Töchtern ein eigenes Zimmer zu ermöglichen.
Für einen kurzen Moment war ich verdutzt und habe mich bei dem Gedanken erwischt, dass mein Auszug soooo schlimm ja nicht sein konnte, wenn jetzt schon alle meine Spuren verwischt waren. Doch danach war es nie wieder ein Thema.

In die weite Welt hinaus

Selbstmitleid

Ein Jahr später bin ich nach Hamburg gegangen. Ich weiß, dass sich meine Eltern immer viele Gedanken um mich gemacht haben (und es vermutlich heute noch machen), aber einen Vorwurf bekam ich nie zu hören. Erstaunlich, denn ich habe ihnen zu der Zeit wirklich viel zugemutet.

Als meine Tochter vor drei Jahren ihre Tasche gepackt hat, um nach England zu gehen, war das nicht einfach für mich. Es wurde noch schwerer, als klar war, dass sie nach dem einen Jahr auch nicht zurückkommen wird. Wenn ich im ersten Jahr von ihr erzählt habe, habe ich mir innerlich immer gewünscht, dass mir jemand über den Kopf streichelt und mich bemitleidet. Ich habe mich oft elend gefühlt. Meine Tochter! Gerade erst 16 und schon so weit weg …

Irgendwann habe ich aber realisiert, dass diese Nummer weder ihr noch mir gut tut.

Selbstmitleid, nur weil die Tochter schon so einen selbständigen Weg geht?

Nein, so wollte ich nicht mehr sein. Schließlich war ich unendlich stolz auf sie. Warum also nicht lieber die negativen Gefühle an die Seite schieben und mich einfach nur freuen, dass es ihr gut geht?

Und im Grund genommen machte sie nur das, was ich mir in dem Alter gewünscht hätte, In die weite Welt hinaus, aber richtig!

Briefwechsel

Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden

Mein Sohn ist so alt wie Deiner. Er ist in der 10. Klasse, fährt jetzt Mofa und seine Beine sind so behaart, dass ich den ganzen Sommer dafür gebraucht habe, mich an den Anblick zu gewöhnen. Im letzten Jahr war er noch ein süßer Junge, heute ist er der Mann im Haus, der mir in der Garage bei den schweren Sachen zur Hand geht.

Trauer oder Schwere oder Angst fühle ich überhaupt nicht, wenn ich darüber nachdenke, dass auch er in wenigen Jahren sein eigenes Ding machen wird.

Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, habe ich nicht. Hatte ich auch nicht bei Paula.

Natürlich wird es eine große Veränderung, wenn wirklich alle Kinder ausgezogen sind. Aber ich habe meine Eltern als Vorbild, die noch mal richtig aufgedreht haben, nachdem auch meine Schwester ausgezogen ist. Meine Eltern sind immer unterwegs, mit Freunden, auf Geburtstagen, im Verein aktiv und irgendwie ständig im Urlaub. Wollte ich sie früher als Babysitter für meine Kinder haben, so musste ich das Wochen im Voraus anmelden, so voll war deren Kalender. Meine Eltern sind jetzt 34 Jahre verheiratet, genießen ihr Leben und das wichtigste: sie lieben und schätzen sich. Und gebraucht werden sie heute ja immer noch von mir und meiner Schwester. Nur auf einer ganz anderen Ebene.

Nachwuchs

Nachwuchs

Meine Schwester bekommt nächsten Monat ihr erstes Kind, ich werde also zum ersten Mal Tante. „Genieß die Zeit mit deinem Kind, sie vergeht so schnell“ – diesen Spruch wird auch sie zu hören bekommen. Aber ich glaube, dass ihr das auch so schon klar ist, da sie meine Kinder hat groß werden sehen. Wenn wir auf alte Fotos stoßen und in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen, sieht sie, wie verrückt schnell die Zeit vergeht.

Ich habe mir immer ein 4. Kind gewünscht und freue mich deshalb sehr auf den Zuwachs in unserer Familie, wenn wir Weihnachten dort verbringen und am Baby schnuppern können. Das Schöne: für uns geht es dann wieder nachhause und ich kann am nächsten Tag ausschlafen. Meine Schwester hat die vielen schlaflosen Nächte, Spielgruppen und Kinderarzttermine erst noch vor sich.

Ich freue mich sehr auf das Baby meiner Schwester. Aber ich würde nicht mehr tauschen wollen. Ich bin unendlich dankbar, dass meine Kinder schon so groß sind. Und ich freue mich, wenn alle ihre eigenen Wege gehen und ich sie reihum besuchen darf.

Macht man sich bei 3 Kindern immer wieder neu Gedanken?

Ist es der immer wieder gleiche Prozess voller Ängste oder hören sie einfach auf, weil man es vielleicht gewohnt ist?

Ich habe meine Kinder auf natürlichem Weg zur Welt gebracht. Ohne PDA, ohne Kaiserschnitt. Zwei meiner Kinder kamen drei Wochen zu früh, eins kam zwei Wochen zu spät. Alle drei Kinder haben ihre eigene Geburtsgeschichte. Jeder Geburt war anders, so wie auch jede Schwangerschaften anders war.

Das mit dem Loslassen der Kinder sehe ich deshalb genauso entgegen, wie den Geburten.

Du weißt mit jeder Geburt ein bisschen mehr, was da auf Dich zukommt.

Schmerzhaft ist es trotzdem.

Aber der Schmerz vergeht, das Leben geht weiter und: DIE LIEBE BLEIBT!

In die weite Welt hinaus

Zukunft

Dieses Jahr wird das erste sein, an dem wir ohne Paula Weihnachten feiern werden. Sie möchte mit ihrem Freund in England feiern und das kann ich sehr gut verstehen.

Dieses Jahr wird aber auch das erste sein, an dem ich nicht mit meinen Kindern Silvester feiern werde. Ich möchte mit meinem Freund in Münster feiern und das können sie gut verstehen.

So verschiebt sich unaufhörlich alles im Leben.

Wenn wir uns den Veränderungen hingeben und zuversichtlich in die Zukunft blicken, werden wir überrascht sein, was noch alles auf uns wartet.

 

In diesem Sinne,

happy Sunday für Dich

Deine Denise

 

p.s. zusammen mit Andrea geht es im nächsten Jahr In die weite Welt hinaus. Und Ihr könnt dabei sein! Die ersten Infos gibt es heute auf ihrem Blog.

p.s. HIER findet Ihr alle meine Briefe an Andrea

 

1 Kommentar

  • Antworten andrea 15/10/2019 at 11:27

    sehr schöner brief. und ich bewundere immer jede, die ihre veränderungsbedürfnisse ernst nimmt und ihnen gerecht wird. gerade in beziehungen finde ich das unglaublich schwer. liebe grüße!

  • Antworten

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