Briefwechsel

Briefwechsel | Living Apart Together

11/08/2019

Wie sieht Deine Vorstellung von Zukunft aus und welche Rolle spielt dabei ein Partner?

Liebe Andrea,

so langsam kehrt bei uns beiden die Ruhe nach dem Sommerurlaub ein. Die Wäsche ist gewaschen, die vielen Erinnerungen sind noch ganz frisch. Ist es nicht schön, nach so einer erlebnisreichen Zeit dann wieder am heimischen Arbeitsplatz zu sitzen? Ich fühle mich von diesem Sommer reich beschenkt und bin dankbar, dass wir noch 2 1/2 Wochen Ferien haben, bis das Jahr noch einmal Anlauf nimmt und uns geradewegs in den Herbst schickt.

Dein letzter Brief hat mich erreicht, als ich gerade mit meinem Freund Marc ein Wochenende in einem Tiny House verbracht habe. Damit habe ich auch schon das Bild von meiner Zukunft, wie ich sie mir vorstelle, vor meinen Augen: nur mit dem nötigsten umgeben! Reduziert, übersichtlich, glücklich. Weniger putzen, mehr Füße in den Sand stecken. Meine neuste Entdeckung in dieser Woche: Wikkelhouse. Ein Tiny House aus Pappe! Genau mein Geschmack.

Living Apart Together Alleine sein

Als ich im vergangenen Jahr Single wurde, geschah das auf meinen Wunsch hin. Schon in den Monaten zuvor hatte sich etwas in mir verändert, was ich nicht ganz greifen konnte. Zu meinem 40. Geburtstag kam es schon etwas mehr an die Oberfläche und meine Yoga-Woche auf Mallorca hat mir deutlich gemacht: ich wollte alleine sein. Mein Leben ohne Partner bestreiten. Mit meinen Kindern alleine leben. Ich wollte keine Beziehung führen, die ich als anstrengend empfand.

Obwohl alles recht schnell ging und ich klar war mit meinem Weg, hat es mich doch zeitweise verunsichert. Schaffe ich es alleine? Kann ich das alles alleine stemmen? Ich hatte genau so viel Angst, bzw. Respekt wie bei meinem Schritt, eine Kündigung einzureichen und von da an nur noch selbständig zu sein.

Respekt zu haben ist sicher von Vorteil, noch besser ist aber Mut und der Glaube an sich selber. Und so habe ich es natürlich geschafft. Sowohl das Ding mit der Selbständigkeit als auch den ganzen andere Rest.

Ich wollte alleine sein, mich auf mich selber besinnen. Trotzdem hatte ich Ende des Jahres wieder ein Date. Weil ich einfach interessiert bin an Menschen und Begegnungen liebe. Hätten nicht so viele Dinge gepasst, hätte ich nicht stundenlang mit Marc quatschen können, bis wir uns das erste Mal geküsst haben, dann hätte ich mich auf das Abenteuer Beziehung nicht so schnell wieder eingelassen. Doch mit 41 bin ich meinen Wünschen und Bedürfnissen so viel näher als mit 21 oder 31 Jahren und so weiß ich, dass ich gerade das große Los gezogen habe.

Bist Du ein tragischer Fall, weil Du keine Lust hast, Dich zu binden?

Tragisch finde ich eher die Tatsache, dass der Beziehungsstatus einer Frau überhaupt so wichtig ist. Ist es nicht tragisch, dass es so eine große Rolle spielt, ob jemand Single oder liiert, verheiratet oder geschieden ist?

Im letzten Jahr hatte ich ein riesiges Problem damit, nun 2 x geschieden zu sein. Ich dachte, ich sei ein tragischer Fall. Mit gerade mal 40 Jahren zwei gescheiterte Ehen auf dem Gewissen! Was für ein Versagen!

Doch diese Phase hat nur kurz angehalten. Wen interessiert es schon, wie oft ich geschieden bin?  Im Grunde genommen geht es niemanden etwas an. Und wer mich zu seinem Gesprächsthema macht, steckt vermutlich selber in einer unglücklichen Situation und beneidet mich insgeheim. Interessanterweise haben in den vergangenen Monaten viele Frauen meinen Rat, meine Inspiration gesucht, die von mir wissen wollten: Wie machst Du das? Wo nimmst Du Deine Leichtigkeit nach all diesen Erfahrungen her? Und wie findet man in unserem Alter einen neuen Partner?

Es ist erstaunlich, denn über die meisten Fragen habe ich mir nie Gedanken gemacht, bis sie mir gestellt wurden. Ich nehme meine Erfahrungen mit gescheiterten Beziehungen heute als etwas Positives und Gewinnbringendes an, schließlich haben sie mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Viel tragischer, als eine Frau, die sich nicht binden möchte, finde ich Menschen, die nicht mit sich alleine sein können. Da zählst du eindeutig nicht zu. In meinen Augen bist Du eine tolle, starke und mutige Frau! Weit entfernt von tragisch. Mach also unbedingt weiter so!

Living Apart Together

Entwicklungshilfe oder Partner? Da ich nicht in die Entwicklungshilfe gehen möchte, sondern andere Pläne für die Zukunft habe, muss ich mich nicht entscheiden. Ganz im Gegenteil, ich habe das Gefühl, einen Partner an meiner Seite zu haben, der mich in keiner weise einschränkt. Ob ich am Wochenende mit meinen Mädels ausgehe oder für einige Tage wegfahre – in früheren Beziehungen war das oft Grund von Auseinandersetzungen. Klingt irre, aber ich musste für solche Freiheiten kämpfen und eine Zeitlang war ich einfach zu müde, für solche Spielchen und habe mich ergeben.

Aus diesem Grund genieße ich heute meine unendliche Freiheit. Ich muss mich nicht einschränken, keine Rechenschaft ablegen und kann trotzdem die Vorteile einer Beziehung genießen. Eine Beziehung, die soviel Freiheit lässt, aber auch genauso viel Liebe gibt, wie ich sie brauche.

Living Apart Together, so nennt man das  Beziehungsmodell, in dem ich gerade stecke. Mit den drei wichtigsten Männern in meinem Leben bin ich innerhalb weniger Monate zusammen gezogen. Heute lebe ich zum ersten Mal eine Wunschkombination aus enger persönlicher Beziehung und größtmöglicher wirtschaftlicher wie räumlicher Unabhängigkeit. In DIESEM Artikel steht, dass Living Apart Together vor allem bei Menschen über 40 als attraktive Beziehungsform gilt, die bereits gescheiterte konventionelle Langzeitbeziehungen oder Scheidungen hinter sich haben.

Kennst Du Menschen in Deinem Umfeld, die so ein Beziehungsmodell führen? Für mich ist es eine neue, spannende Erfahrung und irgendwie sind wir damit auch wieder bei dem Thema Brauchen wir Distanz, um uns nahe zu kommen?

Schrullige Alte

Du hast von dieser alten Dame in der Post geschrieben und ich musste schmunzeln.

Schrullige Alte? Sorry, aber da können wir uns beide doch heute schon die Hand reichen! Wirken wir nicht alleine aufgrund unseres Berufsbildes für Außenstehende schnell als schrullig? In der Blase, in der wir uns bewegen, sind wir vielleicht normal. Doch wenn ich bei der Post auf mein Handy angesprochen werde, dass an einer Kette um meinen Hals hängt, spüre ich, wie ich wieder als ’schrullige Alte‘ abgestempelt werde.

Selbst Marc würde Dir nach nach den letzten Wochen bescheinigen, dass ich ein bisschen schrullig bin. Sprich ihn nur besser nicht auf das Kleid mit den Lamas an, das ich unterwegs gekauft habe. Für ihn ein untrügliches Zeichen, dass ich ein bisschen arg schrullig bin!

Aber hey! Ich habe jahrelang darauf hingearbeitet, dass ich all meine schrulligen Seiten ausleben und pflegen kann. Ich genieße mein Leben, meine Freiheit und ich freue mich unendlich auf alles, was noch kommt.

Jüngere Männer

Jetzt aber mal was ganz anderes, liebe Andrea. Wenn ich an Dich denke, dann kommt mir oft der Gedanke, dass ein jüngerer Mann gut aussehen würde neben Dir. Zumindest temporär. Aber ist das überhaupt interessant für Dich? Ein jüngerer Mann?

Ich persönlich bevorzuge eher ältere Männern. Älter war für mich schon immer anziehender. Doch bei Dir habe ich ein anderes Bild vor Augen. Liege ich da richtig?

Ach ja … ich freue mich ja schon so auf Deine Dating-Kolumne – vielleicht plauderst Du dann ein bisschen aus dem Nähkästchen? Vor 17 Jahren habe ich auch einige Erfahrungen dazu sammeln können und hätte ein paar witzige Geschichten zu bieten. Die Themen werden uns also nicht so schnell ausgehen.

 

Hab einen feinen Sonntag

Alles Liebe

Denise

 

 

2 Kommentare

  • Antworten Andrea 11/08/2019 at 10:11

    Liebe Denise, ich hatte ihn schon fast ein bisschen vergessen… unseren Briefwechsel. Aber das ist doch ein gutes Zeichen. Jedes Jahr thematisieren wir unseren Sommer und jedes Jahr wird er ein Stück besser, als der davor… oder ich bilde es mir nur ein, weil ich so gern im Hier und Jetzt lebe.

    Danke für diese wunderbare Antwort. Danke, dass wir miteinander „Briefwechseln … Ich weiß genau, was Du meinst… wenn man, so wie wir mittendrin steckt, denkt man über das eigene Handeln kaum nach. Aber schon der Artikel, den Du verlinkt hast, sagt ja, dass wir mit unseren Lebensmodellen von der Norm abweichen und genau deswegen wirft es so viele Fragen auf. Kann man denn wirklich so glücklich sein?

    Es war wunderbar Dir auf Instagram zuzusehen diesen Sommer. Ich freue mich von ganzem Herzen für Dich. Und ich kann zusehen ohne Schmerz… weil mir nichts fehlt. Es fühlt sich großartig an dieses Glück einfach gönnen zu können.

    Ich wünsche Dir einen wunderbaren Sonntag.

    Andrea

  • Antworten Aus dem Leben der Karoline 11/08/2019 at 11:19

    Hallo Denise,
    ein wirklich überwältigender Brief und tolle Eindrücke die Du uns damit bietest. Finde es auch immer wirklich sonderbar, wie man durch Trennungen & Scheidungen von anderen definiert wird …Ist doch egal, Hauptsache man ist danach glücklich. Und das ist was zählt. Ähnlich mit vielen Jobwechsel & Umzügen und Co. Anstatt über neue Perspektiven für jemanden sich zu freuen, wird direkt das große Aber hinterhergeworfen. Kenne auch eine gute Freundin, die ebenfalls eine zweite Scheidung hinter sich hat, und Sie ähnlich denkt. Lieber eine weitere Scheidung, statt daran festzuhalten, was nicht sein soll. Ihr geht es wunderbar damit
    Ganz liebe Grüße, Karoline 🙂

  • Antworten

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