Lifestyle

Momentaufnahme einer Intensivfachschwester

26/04/2020

Gespräch mit einer Intensivfachschwester

Mich haben Geschichten anderer Menschen schon immer interessiert. Die echten Geschichten von Angesicht zu Angesicht erzählt. Ich will wissen, wie es den Menschen geht, was sie gerade fühlen. Welche Ängste sie haben, aber auch, welche Hoffnungen sie antreiben. So ist meine Idee zu „Momentaufnahme“ entstanden und seit dem Skype ich mit den verschiedensten Frauen.

Elisabetha ist 38 Jahre alt, verheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern (2 und 7 Jahre) in NRW. Sie versorgt ihre gehbehinderte Mutter, studiert Gesundheitswesen und arbeitet als Intensivfachschwester an einem Klinikum, wo Corona infizierte betreut werden.

Intensivfachschwester

Liebe Elisabetha, erzähl doch mal von Dir.

Ich arbeite seit 12 Jahren auf der Intensivstation, bin also ein alter Hase. Beim ersten Kind war ich 2 1/2 Jahre zu Hause, bei meiner Tochter war ich schon nach 11 Monaten wieder im Beruf. Arbeiten gehen zu können war fast wie eine Pause für mich. Als Mutter bist Du ja ständig ON, wenn Du zu Hause bist. Im Beruf kann ich meine Arbeiten nach und nach erledigen und auch mal auf die Toilette gehen, ohne dass mich jemand begleiten möchte.

Homecare Arbeit wird einfach nicht wertgeschätzt. Besonders nicht von den Männern. Männer können uns das gar nicht geben, diese Wertschätzung, die man im Arbeitsalltag bekommt.  Es war also klar, dass ich bald wieder arbeiten gehe und so habe ich schon ganz früh einen Tagesmutterplatz organisiert. Das war mir nicht nur für mein Ego, sondern auch für die Rentenkasse wichtig.

Bis zum Rentenalter werde ich nicht als Intensivfachschwester arbeiten, weshalb ich jetzt noch studiere. Ich habe früher Eventmanagement studiert und jetzt verkürzt Gesundheitsmanagement, um später einen möglichst guten Posten zu bekommen. Ich pflege gerne, aber die Rahmenbedingungen sind einfach hart. Unser Gesundheitswesen lässt da nicht ganz so viel zu, wie man das gerne hätte.

Wie bekommst Du das mit Deinem Beruf und zwei Kindern hin?

Meine Kinder könnten beide eine Notbetreuung bekommen, aber ich bin eine alte Glucke. Meine Tochter war es gewohnt, mit drei Kindern bei der Tagesmutter zu sein, ich kann sie also nicht in einen wildfremden Kindergarten mit wildfremden Betreuerinnen. Das kann ich nicht, so kann ich nicht entspannt arbeiten gehen.

Ich hatte jetzt zwei Wochen Urlaub. Ansonsten habe ich nur „Mutti-Dienste“, also von 06 bis 14:15 Uhr. Wenn ich dann nach Hause komme, geht mein Mann von 15 bis 22 Uhr ins Büro. Er ist Oldtimer-Experte und hat einen guten Chef.

Bis März habe ich 50 % als Intensivfachschwester gearbeitet. Aufgrund des Katastrophenplans, der jetzt erstellt werden musste, wurden alle Teilzeitkräfte abgefragt, wie viel sie aufstocken können. Jetzt arbeite ich 80 %, erstmal für einen Monat.

Hygiene technisch hat sich bei uns nicht wirklich viel verändert. Ich bin einfach eine alte Krankenschwester. Bei mir wird nichts angepackt, wenn ich mit den Kindern einkaufen gehe. Ich mochte es noch nie, wenn meine Kinder Gelände anpacken im Treppenhaus.

Genau! Ich hab mir auch schon IMMER die Hände gewaschen, wenn ich vom Einkaufen nach Hause kam!

Immer! Und immer mit Seife!

In den Ellbogen niesen, das gab es bei uns auch schon immer. Das ist für meine Kinder nichts Besonderes. Nicht alles anfassen, nicht die Finger in den Mund stecken. Ich hab mich schon immer davor geekelt, wenn jemand gehustet hat. Da hab ich schon immer alles rumfliegen sehen. Obwohl ich einen Beruf habe, in dem ich intensiven Kontakt zu Menschen habe – und ich liebe Menschen – aber ich brauche das nicht, das mich jemand anatmet.

Und jetzt betreust Du Coronapatienten auf der Intensivstation!

Genau. Die Patienten, die zu uns kommen, sind aus der größten Akutphase raus. Wir haben die Menschen mit längerem Verlauf, die auch schon einen Luftröhrenschnitt haben und darüber beatmet werden.

Wir können froh sein, in diesem Land zu leben, weil ich sehe, was man da innerhalb kürzester Zeit auf die Beine stellt. Als es vor 4 Wochen fing, richtig akut zu werden, da fühlte ich mich tatsächlich wie Krieg, ohne Waffen. In meiner gesamten Laufbahn habe ich das noch nie so erlebt.

Wir wurden in großen Teams einbestellt, die Sachlage wurde besprochen. Es gab neue Beatmungsgeräte, knallharte Schulungen und mehr Personal. Im Moment werden nur noch Notfall OP’s durchgeführt, damit das gesamte OP Team auf der Intensivstation im Einsatz sein kann.

Wenn also Land unter ist (das vermutet man für Mitte / Ende Mai) müssen Fachkräfte wie ich zwar mehr Patienten betreuen, aber wir werden dann 2 – 3 Helfer haben, die gerade in verschiedenen Bereichen geschult werden. Dann habe ich als Intensivfachschwester zwar den Überblick, aber auch genügend Kräfte, an die ich bestimmte Aufgaben delegieren kann.

Bist Du schon getestet worden?

Erst einmal! Negativ!

Unser oberste Hygienemensch kommt einmal am Tag vorbei und schaut, ob wir irgendwelche Fragen haben. Da habe ich mir vor zwei Wochen erlaubt, dreimal zu Husten und er hat mich sofort zum Abstrich geschickt. Das finde ich gut!

Als die ersten Covid19 Patienten bei uns waren, hatten wir alle Respekt. Keiner wollte sie betreuen, wir hatten alle ein mulmiges Gefühl. Man reißt sich da nicht drum. Diese Patienten zu versorgen ist vom Krankheitsbild her schon sehr anspruchsvoll. Es geht hier um konzentrierte Keime, die sofort infizieren. Auch die Schutzkleidung ist auch sehr anspruchsvoll. Wir üben im trockenen,  die Schutzkleidung richtig anzuziehen – aber eben auch, sie wieder richtig auszuziehen.

Kapazität haben wir im Moment auf jeden Fall noch genügend, deshalb haben wir auch Patienten aus Holland und Belgien übernommen.

Du hast ja echt eine hohe Drehzahl in Deinem Leben. Anspruchsvoller Job, zwei Kinder …

Und ich betreue meine gehbehinderte Mutter.

Ich merke auch, dass mein Ton schroffer geworden ist, auch den Kindern gegenüber. Das ist schon eine besondere Zeit. Ich muss mich da manchmal ein bisschen beherrschen.

Zum 01. Juni ziehen wir dann auch noch um. Raus aus der Stadt. Ich brauche Ruhe und wir haben ein Haus gefunden, 20 Minuten mit dem Auto entfernt. Mit Garten, Kamin und Wintergarten. Dort kann ich dann hoffentlich etwas runterfahren.

Hast Du jetzt am Wochenende frei?

Jaaaa! (große Freude).

Wir gehen das erste Mal in unserem Leben ins Autokino und schauen uns Die Eiskönigin II  an. Aber wir machen am Wochenende immer was Schönes, als Familie zusammen. Fahrradtouren, mein Mann geht mit seinen 43 Jahren immer noch skaten mit dem Großen. Mein Mann nimmt auch mal beide Kinder mit, damit ich zwei oder drei Stunden für mich alleine habe. Dann kann ich eine pflegende Maske auf mein Gesicht legen, die Ansätze färben, die Wohnung für mich alleine genießen.

Intensivfachschwester

Liebe Elisabetha, ich wünsche Dir und Deiner Familie nur das Beste. Danke für Deine Zeit!

 

Elisabetha findet Ihr HIER bei Instagram.

 

Alles Liebe

Denise

P.s. mehr über den Beruf der Intensivfachschwester  gibt es in DIESEM Beitrag.

 

 

 

  • Nicole 26/04/2020 at 11:20

    Liebe Denise, liebe Elisabetha,
    Das war für mich sehr interessant zu lesen. Ich finde es gut, mit welcher Liebe und notwendiger Objektivität du von deinem Beruf und deiner Erfahrung berichtest. Ich bewundere, was du tust und wie du es angehst. Es gefällt mir, wenn ich lese, wie du die Situation, ohne zu klagen, beurteilst. Es ist schön zu wissen, dass wir so gut betreut werden.

    Einen schönen Sonntag euch
    Nicole

  • Elke 26/04/2020 at 11:32

    Liebe Denise, ein toller angstfreier Bericht aus der Gefahrenzohne. Liebe Grüße von Elke

  • Kerstin 26/04/2020 at 13:14

    Liebe Denise, ein sehr schönes Format, deine Momemtaufnahmen!
    Und dir liebe Elisabetha (und auch Andere in Berufen zum Allgemeinwohl) VIEEEEEEELEN DANK
    für deinen Job!
    Liebe Grüße von
    K.:-))

  • Petra von Fraugenial 30/04/2020 at 0:06

    Man kann die Helfer an der vordersten Front gar nicht genug loben, schwer sich alles auszumalen, …Danke Elisabetha für deinen Einsatz! Du inspirerst mich mit deinem Einsatz! Beruflich aber auch privat,

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