Lifestyle

Momentaufnahme aus Frankreich

14/06/2020

Gespräch mit Nathalie aus Frankreich

Mich haben Geschichten anderer Menschen schon immer interessiert. Die echten Geschichten von Angesicht zu Angesicht erzählt. Ich will wissen, wie es den Menschen geht, was sie gerade fühlen. Welche Ängste sie haben, aber auch, welche Hoffnungen sie antreiben. So ist meine Idee zu „Momentaufnahme“entstanden und seit dem Skype ich mit den verschiedensten Menschen.

Nathalie ist gerade 50 geworden, Belgierin und in Norddeutschland aufgewachsen. Als Teenager ist sie zurück nach Brüssel gezogen und hat dort 30 Jahre verbracht. Seit 6 Jahren lebt sie nun mit ihrem Mann in Frankreich. Ihre Kinder sind 24 und 26, die in Brüssel studieren und arbeiten. Heute gibt sie uns eine Momentaufnahme aus Frankreich.

Momentaufnahme aus Frankreich Liebe Nathalie, wie geht es Dir gerade?

Sehr gut!

Außer, dass meine Kinder und meine Eltern mir fehlen. Ich habe vier Eltern. Sie sind seit 35 Jahren geschieden und auch seit 30 Jahren mit ihren neuen Partnern zusammen. Meine Eltern leben in Brüssel, meine Mami ist Belgierin, mit einem deutschen Verheiratet und mein Vater ist Belgier, mit einer deutschen verheiratet. Aber allen geht es gut. Das kann man aushalten.

Wir haben einfach viel Glück. Wir haben einen schönen Garten, warmes Wasser, was zu essen, ein Dach und viel Platz. Da möchte ich nicht klagen. Wir dürfen seit dem 11. Mai auch wieder raus. Restaurants sind noch geschlossen. In den vergangenen zwei Monaten mussten wir ein Formular ausfüllen, durfte nicht weiter als einen Kilometer weg und nur 1 Stunde spazieren gehen. Das wurde jetzt gelockert.

Was mir und meinem Mann fehlt, ist mal wieder essen zu gehen. Wir haben hier viele gute Restaurants – aber alle französisch. Seit zwei Jahren haben wir einen guten Asiaten, aber sonst haben wir nicht so die Auswahl. Das fehlt uns hier, deshalb gehen wir in Brüssel gerne essen.

Die letzten Wochen hast Du mit Deinem Mann zu Hause verbracht?

Ja – das ging auch gut. Wir sind kein Streit-Paar und passen gut auf.

Seit dem 1. Februar sind wir konstant zusammen, da wir unseren 110. Geburtstag auf Bali gefeiert haben. Sonst bin ich alle 6 Wochen in Brüssel, er ist regelmäßig in Paris und Lille. Wir sehen uns also auch mal 5 Tage nicht, doch das ist jetzt nicht mehr. Ich denke, wir sind beide sehr behutsam miteinander. Wenn man so zusammen hocken muss, dann ist es ja auch bescheuert, wenn man sich dann streitet.

Wir haben uns 2009 in Brüssel kennengelernt (mein Vater nennt mich Liz Taylor, weil es meine 3. Ehe ist). Wir hatten gerade unseren 7. Hochzeitstag. Er ist Kanadier aus Quebec. Er ist Arzt, praktiziert aber nicht mehr, weil er vor 20 Jahren in die Pharmaindustrie gewechselt ist.

Wie seid Ihr nach Frankreich gekommen?

20012 haben wir Urlaub in der Provence gemacht und uns schockverliebt, nach ein paar Tagen war klar: hier möchten wir leben. Das Klima, das schöne Leben, die Natur, das Essen und der Rosé…

Im Département Vaucluse ist eine irre Vielfalt an Obst und Gemüse, da vor 1100 Jahren ein Wasserversorgungssystem gebaut wurde. Der Fluss Durance hat unzählige Kanäle die wir als Privatperson oder die Bauer nutzen können. In unserem Garten haben wir Kirschen, Aprikosen, Pfirsiche, Äpfel, Birnen, Feigen, Pflaumen… Tomaten, Artischocken, Knoblauch, Zucchini, Erbsen, Karotten und und und.

Wir haben sofort mit der Haussuche begonnen und schon im Sommer 2013 den Kaufvertrag für unser Haus unterschrieben. Ein Mas (Bauernhaus), gebaut 1755.

Der Plan war, ein B&B zu eröffnen, um soziale Kontakte zu pflegen (wir kannten ja keine Seele in Süd Frankreich). Nach einem Jahr Renovierung (mein Mann war die ganze Zeit unten – ich noch in Brüssel) sind wir endlich 2014 offiziell hierhergezogen. Hier kannst Du Dir unser Haus angucken.

Wir haben zwei Bed & Breakfast Zimmer, es sind also maximal 4 Gäste hier. Wir haben meist ganz tolle Gäste. Bis zum Meer, oder bis zu einem guten Strand fährt man eine gute Stunde. Aber eigentlich haben wir alles hier – inclusive Pool.

Wir haben hier eine enorme Lebensqualität. Erstens das Klima, durchgehen von März bis Oktober und kein Verkehr, kein Stress. Ich stehe nie mehr im Stau.

Was hast Du beruflich gemacht?

Mein letzter Job war in der Finanzbranche. Als ich meinem Chef gesagt habe, dass ich kündigen werde, weil ich nach Frankreich ziehe, sagte er „Auf keinen Fall!“ So habe ich noch drei Jahre im Home-Office gearbeitet. 4 Tage pro Woche von 08 bis 12 Uhr. Das konnte ich im Pyjama am Küchentisch machen, das war echt cool.

Hier einen neuen Job zu finden ist sehr schwierig. Obwohl ich vier Sprachen spreche: französisch, englisch, deutsch und flämisch. Ich dachte, das läuft easy peasy. Aber die Bezahlung und auch die Stundenzahl kommt für mich nicht infrage.

Was vermisst Du gerade?

Ein gutes Buch!

Hier bei uns gibt es natürlich keine Buchhandlung, in der ich deutsche Bücher bekomme. Die kaufe ich, wenn ich in Brüssel bin.

Unsere Familiensprache war Französisch, aber ich bin mit 5 Jahren nach Deutschland gekommen und da ich auf eine deutsche Schule gegangen bin, lese ich noch heute am liebsten Bücher auf Deutsch. Da ich lieber im kleinen Laden um die Ecke Bücher kaufen, statt beim großen Online-Buchhändler, muss ich halt noch ein bisschen warten.

Was tust Du, damit es Dir gut geht?

Ich nehme Dich mal mit in mein Atelier. Hier bastel ich, mache Fimo und Karten.

Momentaufnahme aus Frankreich

Dies ist mein kleiner Ort, an den ich mich zurückziehen kann. Das habe ich aber schon immer gemacht. Ich bin auch ein großer Brief- und Kartenschreiber, die ich dann auch verschicke. Mein Mann sagte kürzlich schon, ich würde ihn mit Briefmarken ruinieren … besser als mit Gucci, oder?

Menschen, die eine Postkarte bekommen, freuen sich einfach. Mal keine Rechnung, keine Werbung. Das ist einfach schön.

Wir haben auch noch einen Hund – Bruno! Mit dem gehe ich raus und mach meine Spaziergänge. Eine Katze und drei Hühner haben wir auch noch.

Worauf freust Du Dich?

Ich freue mich, wenn ich meine Familie wieder besuchen kann und wenn meine Kinder endlich wieder zu uns kommen können.

Und ich freue mich auf unsere Gäste!

Wir haben immer so tolle Gäste, mit denen wir schon schöne Erfahrungen gemacht haben. Einige wurden zu Freunden. Einige waren schon 3 bis 4 mal bei uns, darauf sind wir sehr stolz.

Momentaufnahme aus Frankreich

Liebe Nathalie, herzlichen Dank für diese schöne Momentaufnahme aus Frankreich. Ich wünsche Euch den schönsten Sommer und die tollsten Gäste! Und ich bin mir sicher, dass wir eines Tages in Eurem Garten bei einem kühlen Glas Wein zusammen sitzen werden!

 

Herzliche Grüß

Denise

 

p.s. diese Momentaufnahme wurde bereits am 19. Mai aufgenommen.

 

  • Nicole 14/06/2020 at 11:39

    Liebe Denise,
    diese Gesprächsreihe finde ich megaspannend. Wahnsinn, was Menschen auf die Beine stellen können und wie sie sich in ihrem neuen Leben einrichten.
    Daher finde ich es sehr faszinierend, das immer wieder zu lesen. Denn zwischen den Zeilen hört man auch immer die Lebenseinstellung heraus.
    Hab einen schönen Sonntag,
    Nicole

  • Petra von Fraugenial 14/06/2020 at 12:28

    Wahnsinn, man lernt so viele Eindrücke kennen! Kenne eine Freundin, die ähnlich vor Jahren einen Berufswechsel gestartet hat. Glücklich war sie mit dem alten Job, aber mit dem Neuen erstrahlt sie förmlich! Das Atelier ist wirklich bezaubernd und ich beneide euch ja, dass das Eheleben so harmonisch lief…bei uns flogen anfangs die Fetzen. Alles Gute für Euch!

  • Nicole Kirchdorfer 14/06/2020 at 16:20

    OMG. Das hat mich jetzt gerade entführt in meine zahlreichen Besuche in der Nachbarschaft von Nathalie (Saint Saturnin). Mein liebster Freund, den ich nach meinem Umzug schmerzlich vermisse hat dort ein Häuschen. Das Leben ist einfach, aber liebevoll duftig und verzaubert.
    Was für eine mutige und wundervolle Entscheidung! Und ein super hübsches Haus, dass ich gerne weiterempfehle.
    Vielen Dank für diese Einblicke und Dein Engagement, Denise!
    LG Nicole

  • Nathalie Damster 14/06/2020 at 17:12

    Ohhh Danke liebe Denise! @Petra von Fraugenial bei uns war es nicht immer so harmonisch 😂
    Liebste Grüsse aus Süd Frankreich

  • Frau S. aus N. 14/06/2020 at 22:47

    Ein wundervoller Bericht über eine wundervolle Gegend, genau dort (in der Nähe von Caumont-sur-Durance) durften wir auch schon einmal einen fantastischen Provence-Urlaub verbringen! Herrlich…
    Sehr schön zu lesen, vielen Dank!
    Liebe Grüße, Heike

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