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Momentaufnahme | Meine neue Interview-Reihe

30/03/2020

Momentaufnahme

Jeder Mensch hat seine ganz persönliche Geschichte. Mich haben die Geschichten anderer Menschen schon immer sehr interessiert. Nicht das neugierig hinterm Rücken erzählte, sondern die echten Geschichten, von Angesicht zu Angesicht erzählt. Ich will wissen, wie es den Menschen geht, was sie gerade fühlen. Welche Ängste sie haben, aber auch, welche Hoffnungen sie antreiben. So ist in der letzten Woche meine Idee zu „Momentaufnahme“ entstanden. Denn gerade jetzt haben Menschen das Bedürfnis, ihre Geschichte zu erzählen.

Mit dieser Reihe möchte ich Einblicke in das Leben verschiedener Menschen geben, aber auch zu einer positiven Kommunikation beitragen. Ich wünsche mir, dass wir alle gegenseitiges Verständnis aufbringen, uns gegenseitig inspirieren können. Ich möchte, dass jeder einzelne von uns über seinen Tellerrand hinaus blickt.

Für diese Reihe konnte ich Frauen gewinnen, die mir eine Momentaufnahme ihres Lebens geben. Allen voran die Frage: „Wie geht es Dir gerade? Was bewegt Dich im Moment? Welche Wünsche, welche Hoffnungen hast Du?“

Schön wäre es, wenn das ganze einen positiven Touch bekommt, wenn gute Ideen weiter gegeben werden können. Ob mir das gelingen wird, weiß ich noch nicht, denn von den ersten 10 Frauen, mit denen ich mich zum skypen verabredet habe, habe ich erst ein Interview geführt.

Die Idee ist mir Freitag in den Sinn gekommen, Samstag habe ich die ersten Interview-Partnerinnen gesucht, Sonntag das erste Gespräch geführt und heute ist es schon auf meinem Blog. Ich liebe es, wenn ein Plan aufgeht.

Holt Euch also gerne was zu trinken, dann lade ich Euch ein, zu meinem ersten Gespräch „Momentaufnahme“.

Corona aus der Sicht einer Drogerie-Filialleiterin

Silke ist 52 Jahre alt, lebt mit Mann und Molly in Brandenburg und hat zwei erwachsene Kinder. Sie ist Filialleiterin eines Drogeriemarktes mit 14 Mitarbeitern. Die Kasse verzeichnet knapp Zweitausend Kunden pro Tag. Damit ist sie systemrelevant und hat in den letzten Wochen einiges erlebt.

Momentaufnahme

Liebe Silke,

hamstern die Menschen noch?

Nein, zum Glück traut sich das keiner mehr. Wir wohnen in einer Kleinstadt, da wäre es zu peinlich, wenn man erwischt wird. Anfangs kamen noch viele Menschen aus Berlin, Rostock und Hamburg, weil sie der Meinung waren, dass es auf dem Land weniger ansteckend ist. Doch jetzt sind die Landesgrenzen gesperrt, sodass auch das ein Ende hat.

Im Moment leben wir noch in einer Coronafreien Zone, bei uns gibt es bisher keine offiziellen Fälle. Trotzdem ist das alles gerade ein komisches Gefühl.

Mein Glück ist, dass mein Gehalt im Moment noch sicher ist und ich einen geregelten Tagesablauf habe. Bei viele Freundinnen ist das eben anders. Ich arbeite in einem systemrelevanten Job und auch wenn die ersten Tage sehr hart waren und wir deutlich mehr leisten mussten, bin ich dankbar. Meine Kolleginnen  wollen alle arbeiten gehen. Allerdings hab ich auch schon einen Notfallplan in der Schublade, sobald die erste Kollegin krank wird. Dann werden auch die Öffnungszeiten geändert.

Welche Veränderung hast Du in den letzten zwei Wochen erlebt?

Was mir in den letzten Tagen aufgefallen ist, wie überfordert viele Menschen mit ihren Kindern sind. In unserer Region bekommen viele Hartz 4 und Kinder werden normalerweise in der Schule oder in anderen Einrichtungen betreut. Viele dieser Menschen kommen jetzt mit ihren Kindern ins Geschäft, setzen sie in die Spielecke und bummeln durchs Geschäft. Oder sie zerren die Kinder hinter sich her und werden ausfallend.

Das wird in dieser Woche nochmal schlimmer werden! Am 30. gibt es für viele wieder Geld. Das bedeutet, dass das Ostergeschäft losgeht, wir rechnen also wieder mit enormen Umsätzen.

Viel lieber wäre es mir ja, wenn alle noch einmal einkaufen kommen und dann für 14 Tage sämtliche Geschäfte geschlossen bleiben. Stattdessen steht uns noch die große Infektionswelle bevor.

Rein körperlich sind wir weiter weg von unseren Mitmenschen, aber ich spüre auch, dass wir menschlicher miteinander werden. Wir sprechen wieder mehr miteinander, ich telefoniere viel mit Freunden. Das Leben ist ein Stück weit entschleunigt.

Ich habe privat ein paar Schutzmasken bestellt – die, die selber genäht werden. Die werde ich zukünftig bei der Arbeit tragen. Nur leider ist das nichts für die Kolleginnen, die 8 Stunden an der Kasse sitzen. Die sind natürlich besonders gefährdet.

Alles in allem bekommen wir positives Feedback von unseren Kunden. Wir haben viele Pralinen und andere Aufmerksamkeiten bekommen – das ist wirklich erstaunlich. Die Kunden sind einfach sehr dankbar für unsere Arbeit.

Erst waren Nudeln und Klopapier ausverkauft, gerade ist Hefe Mangelware. Ich vermute, als Nächstes sind Haarfärbeprodukte dran sind. Kannst Du das bestätigen?

Natürlich! Haarfarbe aber auch Haarschneide-Maschinen und Scheren, Scheren für künstliche Fingernägel. Auch Kondome und Sex-Spielzeug wird massiv gekauft. Im Moment sind Schwangerschaftstest ausverkauft – was für eine skurrile Momentaufnahme!

Nur Putzmittel werden im Moment nicht so massiv verkauft.

Was tust Du gerade, damit es Dir gut geht?

Wenn ich von der Spätschicht nach Hause komme, hat mein Mann meist schon gekocht und wir essen zusammen. Dann gibt es noch ein Glas Rotwein und ich spreche vielleicht mit meinen Kindern, die in Berlin und Hamburg wohnen. Eigentlich besteht mein Leben im Moment hauptsächlich aus schlafen – arbeiten – schlafen – arbeiten.

Vor einigen Tagen habe ich noch vor der Arbeit die Musik laut gestellt und eine Runde getanzt. Und dabei geheult. Das war sehr befreiend, einfach mal die ganzen Emotionen raus zu lassen. Da habe ich erst gemerkt, wie viel Gedanken ich mir tatsächlich mache, wie viel wir so mit uns herumschleppen. Sorgen und Ängste hat sicher jeder von uns.

Mein Mann arbeitet auch noch ganz normal, sodass wir es uns an den Wochenenden gemütlich machen. Es wird schön gekocht, wir gucken gerade die Mediathek leer (Netflix langweilt uns gerade) und dank unserer Molly kommen wir regelmäßig an die frische Luft.

Die aktuelle Situation hat uns gezeigt, wie wenig wir brauchen, um glücklich zu sein. Ich hab keine Lust auf Shopping und noch viel weniger Lust, mich mit irgendwem zu streiten. Das zwischenmenschliche gewinnt an Bedeutung, wir wollen es einfach nur schön haben zu Hause.

Worauf freust Du Dich, wenn diese Zeit rum ist?

Ich freue mich darauf, wieder Freunde zu treffen und Essen zu gehen. Und ich freue mich, wieder irgendwann unbeschwert ans Meer fahren zu können und mir den Wind um die Nase wehen zu lassen.

Was wünschst Du Dir von Deinen Mitmenschen?

  • haltet Abstand
  • bleibt freundlich
  • bezahlt möglichst Bargeldlos
  • habt Euren eigenen Kugelschreiber dabei. Damit kann man nicht nur Unterscheiben, sondern auch die Pin eingeben. Damit schützt sich jeder selber!

Silke hat übrigens mehr Rotwein als Klopapier zu Hause – was ich überaus sympathisch finde.

Danke liebe Silke, für diese erste Momentaufnahme.

Pass auf Dich auf und bleib gesund.

Momentaufnahme

Nächste Woche folgt die nächste Geschichte. Vielleicht von der alleinerziehenden Mutter, die gerade ihre Kündigung bekommen hat, vielleicht aber auch von der Intensivfachschwester, die Corona infizierte betreut. Ganz egal wer, ich freue mich schon auf jedes einzelne Gespräch!

 

Viele Grüße & bleibt gesund

Denise

 

 

  • Martina 30/03/2020 at 9:20

    Diese Interviews sind eine ganz tolle Idee und der Start mit Silke zeigt,
    wie es all denen z. Zt. ergeht, die unseren Alltag so großartig stemmen.
    Dankeschön an Silke und an Dich, Denise!
    Ich bin schon auf die nächsten gespannt.

  • Sabine Haag 30/03/2020 at 9:24

    Liebe Denise, was für eine wundervolle Idee! Liebe Grüße aus Mainz!

  • Claudia Krahl 30/03/2020 at 10:01

    Liebe Denise,

    was für eine tolle Idee. Und es tröstet mich ungemein, dass die Gefühle, die Dinge, die mich gerade beschäftigen, umtreiben und berühren, andere genauso beschäftigen. Ich habe mich in den Aussagen von Silke wiedergefunden und kann meine Gefühle dadurch besser einordnen! Es gut gut, zu sehen, dass es uns allen irgendwie ähnlich geht. Und ich freue mich darauf, weiteres aus dieser Reihe zu lesen.

    Danke Dir für deine tolle Idee und dafür, dass du den Menschen hier und auf anderen Plattformen ein wenig Ablenkung, Inspiration und Motivation schenkst.

    Liebe Grüße
    Claudia

  • Bridget 30/03/2020 at 10:37

    Hallo Denise,

    was für eine tolle Idee.

    Und die erste Interviewpartnerin könnte nicht passender für mich sein.
    Auch ich arbeite in einem Drogeriemarkt. (nur nicht als Chefin)

    Natürlich habe ich die Aussagen gleich mit meiner momentanen Situation verglichen.

    -bei uns versuchen die Menschen noch immer, zu hamstern.

    -Auch ich lebe in einer Kleinstadt.
    Wir haben plötzlich viele fremde Kunden.
    Die bekannten kaufen plötzlich alle noch für jemanden ein, was auf viele sicher zutrifft.

    -Der Ton wird rauher und agressiver, da wir bei vielen Produkten Abgabebeschränkungen eingeführt haben.

    Auch wenn viele Kunden dankbar und verständnisvoll sind, die uneinsichtigen werden schlimmer.

    -das Thema 1,5 Meter Mindestabstand ist ein Dauerthema.

    -seit Freitag haben wir endlich einen Spuckschutz an der Kasse

    -auch ich bin froh, momentan weder von Kündigung noch Kurzarbeit bedroht zu sein. Trotzdem fühle ich mich von der Ansteckungsgefahr sehr bedroht.

    -den Aussagen bezüglich Überforderung mit Ki dern kann ich nur zustimmen.

    Bin schon sehr auf die nächsten Interviews gespannt.

    Liebe Grüße
    Bridget

  • Andrea W. 30/03/2020 at 12:13

    Wow, eine tolle Idee! Super spannendes Interview, bitte weiter so 🙂 Ich freue mich schon auf die nächsten Menschen mit ihren Geschichten.

  • Birgit 30/03/2020 at 12:39

    Danke Denise

    …..und vor allem DANKE Silke,
    DANKE Dir und allen Deinen Kolleginnen, die jeden Tag für uns alle da sind!

  • Petra 30/03/2020 at 14:38

    Liebe Denise,
    Deine Suchanfrage bei Insta hat mich sofort gepackt, ich fand die Idee super. Das (erste) Ergebnis ist schon da, sehr interessant. Interessant, wie es einer Person an einer solchen Stelle geht, interessant, was sie bewegt, interessant als Abgleich mit mir selbst, interessant, welchen Blick sie auf die Lage und Erlebnisse hat, die sie macht, interessant zu erkennen, dass Alle bewegt, berührt und herausgefordert sind von dieser besonderen Zeit. Dein Plan geht wirklich auf, Danke dafür!
    Liebe Grüße
    Petra

  • Anne 30/03/2020 at 15:13

    Hallo Denise!
    Tolles Interview 😊✌
    Wir haben aktuell auch mehr Wein als Toilettenpapier zu Hause…!
    Viele Grüße & bleib‘ gesund!
    anne

  • Anja 30/03/2020 at 15:27

    Liebe Denise,
    eine tolle Idee und ein spannendes Interview! Ich bin gespannt, wie es nächste Woche weitergeht.
    Und Silke, vielen, vielen Dank für die ganze Arbeit, die du und deine Kolleginnen gerade leisten!!!
    Liebe Grüße von Anja

  • Claudia aus Hamburg 30/03/2020 at 16:29

    Hallo liebe Denise,
    bin sehr gespannt, wer noch alles zu Wort kommt.
    Was für eine tolle Idee mit den Interviews.
    Ich finde Deinen Blog super und lese ihn bislang nur still mit. Aber heute war es mir ein Bedürfnis, Dir zu schreiben.
    Viele Grüße, Claudia

  • Mandy 30/03/2020 at 18:40

    Danke Denise für diese Interviewreihe, Danke Silke (stellvertretend für so viele im Einzelhandel)
    Ich würde mich sehr über ein Interview von einer alleinerziehenden Mama freuen, denn manchmal weiß ich nicht wie ich es schaffen soll. Letzte Woche bis Ende dieser Woche hat mich mein Chef in Urlaub geschickt, mit der Begründung meine 4 Kids brauchen mich jetzt mehr (und der Anmerkung, ja ich bin auch wichtig in der Firma). Von der Schule kommen jeden Tag neue Mails mit Arbeitsaufträgen, wir sind jetzt schon eine Woche in Verzug, wenn ich zu Hause bin läuft alles, nur wenn ich arbeite und halb fünf nach Hause komme, schaffe ich es nicht noch mindestens 4 Stunden mit den Kids zu lernen . (denn sie seelisch zu stärken, ihnen versuchen die Unsicherheiten zu nehmen ist im Moment wichtiger) Mir hilft es nur von Tag zu Tag zu denken und ich verbiete mir Gedanken was wäre wenn… der Ausbildungsbetrieb von meinen Sohn schließt, auf Kurzarbeit ist er schon. ..
    Aber es gibt auch positive Seiten, ich bin so stolz das wir ganz gut miteinander auskommen, dass wir so zusammen halten.

  • Petra von Fraugenial 30/03/2020 at 19:08

    Eine grandiose Idee! Und spannend zu hören wie es den Helden hinter den Kassen geht! Ich versuche zur Zeit auch jegliche Emotion wegzutanzen ..es tut einfach gut…Und den Tipp mit dem Kugelschreiber merk ich mir!

  • Ina Schulze 30/03/2020 at 20:27

    Das ist wirklich ein toller Auftakt für deine Serie. Ich freue mich schon auf die nächsten Beiträge.
    Den eigenen Kuli hab ich auch seid letzter Woche in der Geldbörse. 😎

  • Christiane Schneider-Kern 31/03/2020 at 17:00

    Der Tipp mit dem Kugelschreiber ist genial. Vielen Dank an Silke, auch dass sie in dieser Zeit die Stellung hält. Tolle Idee mit den Interviews, damit wird man wieder geerdet, es geht uns allen wirklich gut.

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