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Momentaufnahme | Glücklich trotz Rollstuhl

26/07/2020

Momentaufnahme

Mich haben Geschichten anderer Menschen schon immer interessiert. Die echten Geschichten von Angesicht zu Angesicht erzählt. Ich will wissen, wie es den Menschen geht, was sie gerade fühlen. Welche Ängste sie haben, aber auch, welche Hoffnungen sie antreiben. So ist meine Idee zu „Momentaufnahme“entstanden und seit dem Skype ich mit den verschiedensten Menschen.

Heute habe ich Babsi für Euch, von der ich im Vorfeld nicht viel wusste. Wir hatten schon ein paar Mal Kontakt, weil sie schon lange meinen Blog liest und ich wusste, dass sie ein kleines Geschäft hat und in der Nähe vom Chiemsee wohnt. Was ich bis dahin nicht wusste, sie ist:

Glücklich trotz Rollstuhl

Herausgekommen ist ein unglaublich lebensbejahendes Gespräch, von dem ich persönlich viel mitnehmen konnte!

glücklich trotz Rollstuhl

Erzähl uns mal von Dir …

Ich bin Barbara, werde aber Babsi genannt, bin 54 Jahre alt und sitze seit 14 Jahren im Rollstuhl, weil ich eine Muskeldystrophie Erkrankung habe.

Unsere Kinder sind 35, 33 und die Zwillinge sind 25. Ungefähr ein Jahr nach der Geburt der Zwillinge habe ich gemerkt, dass ich unsicher werde beim Gehen, irgendwie stimmte da was nicht. Ich dachte erst, das wären meine Skiunfälle, die sich bemerkbar machen, doch dann hat sich herausgestellt, dass ich eine Muskeldystrophie habe. Vererbt durch meine Mutter. Die hatte auch schon immer so hängende Schultern. Als ich 13 Jahre war, ist sie an Krebs gestorben.

Muskeldystrophie

Das Blöde an dieser Erkrankung ist, dass es immer weiter geht. Du merkst, dass Du immer öfter hinfällst, die Muskeln lassen nach. Auch im Gesichtsbereich, die Backenmuskulatur. Die Schultern hängen, Du kannst irgendwann die Arme nicht mehr hochheben. Es geht dann weiter in den Beckenbereich, sodass Du auch keine Treppen mehr steigen kannst und dann geht es in die Beine über. Es muss nicht unbedingt sein, aber bei vielen endet es im Rollstuhl.

Seit 14 Jahren sitze ich jetzt im Rollstuhl, ich kann nur noch zwei Schritte gehen und das auch nur mit Hilfe von meinem Mann. Der muss mir Nachts auch ins Bett helfen.

Es ist blöd, weil es immer weiter läuft. Du kannst nicht sagen, Du bist jetzt querschnittsgelähmt und sitze eben im Rollstuhl und kommst damit klar, sondern Du musst Dich immer wieder an neue Sachen gewöhnen.

Im letzten Jahr habe ich den Schritt gewagt, um mir den Magen zu verkleinern. Ich hatte 125 Kilo und habe gemerkt, dass es immer schwerer wird. Meine Hoffnung war, dass es dann leichter wird mit dem Aufstehen, aber die Muskeln nehmen natürlich auch ab, sodass es sich ein bisschen verschlimmert hat. Jetzt bin ich bei 80 Kilo. Mir geht es jetzt wirklich gut.

Wie wohnt Ihr?

Wir haben ein altes Haus über zwei Stockwerke und vor 12 Jahren so umgebaut, dass alles ebenerdig ist. Wir haben einen großen Garten und eine große Terrasse und das liebe ich sehr, dass ich einfach so raus fahren kann.

In meinem Haus bin ich sehr mobil und kann alles machen. Es ist alles gut für mich eingerichtet, auch mit meinem Laden, ich kann einfach rüberfahren, denn er ist in unserem Haus integriert.

Ich bin gelernte Reiseverkehrskauffrau, habe dann die Kinder bekommen und nicht gearbeitet und dann wurde ich krank. Schon immer dekoriere ich gerne und richte ein, auch Hotels, Geschäft und Hochzeiten habe ich schon dekoriert, doch dann ging es irgendwann nicht mehr. Ich brauchte aber etwas zu tun, einen Grund, um in der Früh aufzustehen.

Meinen Laden Irma Theresia habe ich vor 5 Jahren aufgemacht. Ich wusste von Anfang an, dass es nicht die Top-Lage ist. Griesstätt ist ein kleines Dorf mit 4.000 Einwohnern aber es plätschert so dahin. Es macht mir Spaß, auf die Messe zu gehen. In der Coronazeit wurde es natürlich ein bisschen haarig, aber irgendwie ging es schon.

Seit dem letzten Jahr kümmere mich noch auf 450 € Basis um den eMail verkehr, die Hotelbuchungen und solche Dinge von einem Elektro-Mountainbike Geschäft. Da habe ich dann auch noch mal was zu tun.

Eure Kinder sind ausgezogen?

Das letzte Kind ist – Achtung! – vor 4 Wochen ausgezogen.

Es ist schon schön, jetzt auch mal alleine zu sein.

Aber sie kamen natürlich noch vorbei, denn sie wohnen alle in der Gegend.

Meine Tochter Denise wohnt mit ihrem Mann und meiner Enkeltochter (3 Jahre) nur 5  km weg. Sie bekommt im November das nächste Kind und gerade bauen sie bei uns den 2  Stock um. Auch behindertengerecht, denn leider habe ich ihr die Krankheit vererbt.

Ich bin ein sehr positiver Mensch und lasse mich nicht schnell unterkriegen. Das hilft mir sehr, um auch mit der Situation im Rollstuhl zurechtzukommen. Ich mache einfach Sachen, ich tue es einfach und so versuche ich auch, meiner Tochter ein gutes Vorbild zu sein.

Mann kann also auch im Rollstuhl am Leben teilnehmen. Es gehört ein bisschen Organisation dazu und dann geht das wunderbar. Ich muss aber auch sagen, dass ich einen Mann habe, der das gut mit macht, ich bin also nicht alleine. Wir sind seit 35 Jahren verheiratet und ich kann mich einfach immer auf ihn verlassen, er macht alles mit mir mit. Seit 5 Jahren erledigt mein Mann auch der Einkauf – darüber bin ich ehrlich gesagt auch ganz froh.

Hast Du einen Wunsch für dieses Jahr?

Mein einziger Wunsch ist, dass kein zweiter Lockdown kommt. Wir haben für September ein großes Haus auf Sardinien gebucht und unsere Kinder kommen alle mit. Meine Töchter hochschwanger, denn Ronja, meine andere Tochter, bekommt Ende des Jahres ihr erstes Kind.

Das wäre sehr schön, wenn das klappt. Wenn nicht, dann müssen wir halt nächstes Jahr fahren.

Wir waren schon sehr oft dort, denn ich liebe die Insel sehr. Die Strände, das Mittelmeer, die Kinder konnten immer spielen. Mittlerweile ist es natürlich komplizierter für mich, auch wenn wir einen Rollstuhl fürs Meer haben.

glücklich trotz Rollstuhl

Liebe Babsi, herzlichen dank für dieses so wunderbare Gespräch.

ich wünsche Dir für die Zukunft alle erdenklich Gute!

Bleib gesund und so positiv

 

Alles Liebe

 

Denise

 

 

 

  • Nathalie Damster 26/07/2020 at 8:11

    Whouw was für ein schönes Gespräch! Babsi ist pure Inspiration.

  • Martina 26/07/2020 at 8:59

    Liebe Denise,
    wieder ein großartiger Beitrag von Dir und was für ein hartes Schicksal!
    Es berührt mich immer tief, wenn ich erfahre, wie heftig das Leben andere trifft und Hut ab vor Barabara! Ich kann
    ihr nur wünschen, dass sie ihre positive Einstellung nicht verliert und die Krankheit sie nicht weiter zu sehr
    einschränken wird. 
    Dir wünsche ich einen schönen und erholsamen Urlaub. Deine tollen Beiträge werde ich in den nächsten
    14 Tagen sehr vermissen, aber umso mehr freue ich mich schon auf die, die kommen  🙂
    Ganz liebe Grüße, Martina

  • Beatrix 26/07/2020 at 11:27

    Liebe Denise ,
    wohne zum Glück gleich ums Eck von Babsi.
    Von ihr gehe ich immer mit einem Lächeln im Gesicht:)
    Babsi ist eine große Bereicherung für uns alle.
    Wir kennen uns seit 24 Jahren, eine bessere Freundin, wie sie gibt es nicht.
    Wir haben schon viel zusammen geschafft ,
    haben viel Spiel zusammen und unsere FreundInnen Treffen sind lustig.
    In ihrem zauberhaften Laden, findet frau immer was einem erfreut.
    Herzliche Grüße an Denise und Babsi
    Beatrix

  • Nicole 26/07/2020 at 11:35

    Liebe Denise,
    Der Beitrag ist sehr berührend, zeigt aber auch, dass man vieles schaffen kann, selbst, wenn es unmöglich erscheint. Ich wünsche Barbara weiterhin diesen Optimismus und diese Kraft und dass sie nicht zu schnell zu weit von der Krankheit eingeschränkt wird.
    Dir einen schönen Urlaub.
    Liebe Grüße
    Nicole

  • Mara 26/07/2020 at 17:55

    Eine tolle Geschichte – Danke, dass du uns zu den verschiedenen Menschen mitnimmst!

  • Sibille 26/07/2020 at 20:50

    Danke für den Einblick in ein Leben mit dem Rollstuhl. Das Leben meistern. Alles Gute.

    VG
    Sibille

  • Nicole Kirchdorfer 27/07/2020 at 12:55

    Ein ganz tolles Profil! Es ist wunderbar, dass Du uns so lebensbejahende Menschen vorstellst!
    Das verschiebt mal wieder den Horizont, den man ja doch immermal vernagelt eng hält.
    Danke.
    Nicole

  • Sonja 19/08/2020 at 14:05

    Liebe Barbara,
    ich ziehe meinen Hut vor Dir. Toll, dass Du Dir den Herzenswunsch erfüllt hast und den Laden eröffnet hast, dass Du Deinen Lebensmut nicht verlierst. Bleib so! Du hast eine tolle Familie im Rücken.
    Ich wünsche Euch von ganzem Herzen, dass Ihr gemeinsam nach Sardinien reisen könnt. Sollte es nicht klappen, sucht nach einer Alternative in Deutschland. Ich wünsche Euch, egal wo, eine tolle, gemeinsame, erholsame Zeit.

    Liebe Grüße
    Sonja