Lifestyle

Momentaufnahme einer Winzerin

10/05/2020

Gespräch mit einer Winzerin

Mich haben Geschichten anderer Menschen schon immer interessiert. Die echten Geschichten von Angesicht zu Angesicht erzählt. Ich will wissen, wie es den Menschen geht, was sie gerade fühlen. Welche Ängste sie haben, aber auch, welche Hoffnungen sie antreiben. So ist meine Idee zu „Momentaufnahme“ entstanden und seit dem Skype ich mit den verschiedensten Menschen.

Mara ist 29 Jahre alt und lebt in der Region Stuttgart. Sie hat Weinbau und Önologie  (Kellerwirtschaft) studiert, 2015 das Studium abgeschlossen und arbeitet seit der Weinlese 2015 als Winzerin auf dem Familienweingut. Sie war Weinkönigin und Weinprinzessin und ist nebenbei ehrenamtlich bei der Landjugend tätig.

Winzerin

Liebe Mara, wie geht es Dir gerade?

Mit geht es gut. Ich kann mich nicht über zu wenig Arbeit beklagen.

Dadurch, dass meine Ehrenamtlichen Termine alle gecancelt wurden, wo ich sonst viel in Berlin bin – gerade läuft alles digital ab – bin ich noch mehr daheim. Aktuell kann ich das noch genießen, aber dann gibt es auch immer wieder so Momente, wo es kribbelt … mal wieder essen gehen, bei dem schönen Wetter in den Park gehen.

Die Mischung, die ich normalerweise in meinem Leben habe, fehlt gerade schon. Von der Arbeit auf dem Weingut, nur mit meinen Eltern und einigen Mitarbeitern und dann dem Trubel in der Großstadt Berlin oder bei den Sitzungen, diese Mischung fehlt. Aber die ersten zwei Wochen fand ich es richtig gut. Nur arbeiten, Abends was essen und ins Bett gehen, Wochenende – das war entspannt!

Weinmesse

Das ganze Ehrenamt geht jetzt weiter, nur eben digital. Man möchte so gerne Projekte in Angriff nehmen, aber da niemand weiß, wann die nächsten Weinmessen stattfinden können, fehlt auch die Energie, das wirklich in Angriff zu nehmen.

Ich weiß ja heute noch nicht, ob eine Weinmesse mit 1500 Besuchern in November stattfinden darf. Diese Ungewissheit bremst bei manchen die Motivation. Man möchte ja keine Energie in Sachen investieren, die dann doch wieder abgesagt werden – da gab es jetzt einfach schon genug Sachen, bei denen das passiert ist.

Doch was die Landwirtschaft oder den Weinbau angeht: Die Reben, die wir jetzt setzen – da gibt es die ersten Trauben erst in 3 oder 4 Jahren. An den bestehenden Weinbergen, an denen wir arbeiten, geht es um Trauben, die im September geerntet werden sollen, wo wir den Wein dann in einem Jahr haben. Wir arbeiten mit so einer Langfristigkeit, da ist Corona komplett egal.

Unser Betrieb ist von der Erntehelfer-Thematik zum Glück nicht betroffen, da wir keine osteuropäischen Arbeitskräfte haben. Bei vielen Kollegen sieht das anders aus. Wir haben den Luxus, dass wir Leute aus dem Ort haben, mit denen wir zusammenarbeiten. Das bringt – ganz unabhängig von Corona – viel Flexibilität. Wenn es Morgens regnet, können wir anrufen und die Ernte einfach verschieben.

Man merkt gerade, dass sich das Kundenverhalten verschiebt. Die Leute haben wieder mehr Interesse an Regionalität. Für die gesamte Landwirtschaft kann das eine positive Bewegung sein, die hoffentlich danach noch anhält.

Wir gehen davon aus, dass wir Einbrüche haben, aber ich glaube nicht, dass es bei uns Betriebsgefährdend werden wird, weil wir viele Endkunden haben. Gastronomie und so ist nur ein kleiner Teil, den kann man verschmerzen. Es gibt aber auch Kollegen, bei denen es anders ist.

Habt Ihr einen Onlineshop?

Den haben wir Gott sei Dank installiert, der wird auch gut angenommen. Vor zwei Jahren haben wir unser Design komplett überarbeitet und in dem Zuge dessen auch einen neue Homepage mit Onlineshop aufgesetzt.

Am Freitag gab es die erste Onlineversion von unseren geplanten After-Work-Events.

Wolltest Du schon immer Winzerin werden?

Als älteste von drei Töchtern war ich schon immer diejenige, die helfen musste, was in meinen jungen Jahren nicht so cool war. Meine Eltern hätten nie gedacht, dass gerade ich diejenige sein würde, die irgendwann hier als Winzerin einsteigen würde.

Nach dem Abi habe ich mich für Wirtschaftswissenschaften interessiert, hab dann aber den Zuschlag bekommen für einen Studienplatz in Weinbetriebswirtschaft. Ein BWL Studium in Heilbronn  mit weinspezifischen Fächern. Schon nach einem Semester habe ich aber gemerkt, dass ich nur Sachen verkaufen kann, von denen ich genau weiß, wie sie hergestellt wurden. Relativ kurzfristig habe ich in die Weinbaupraxis gewechselt und einen dualen Studiengang belegt.

Mir gefällt es, als Winzerin selbständig zu sein. Ich bin ein guter Arbeitnehmer im Sinne von „anpacken & aktiv denken“. Mich aber irgendwo komplett unterzuordnen und immer nur zu machen, was der Chef sagt, das ist nicht so meins.

Worauf freust Du Dich am meisten, wenn die Krise vorbei ist?

Ich freue mich darauf, die Freiheiten genießen zu können, die wir vorher hatten, aber nie so wahrgenommen haben.

Ich freue mich darauf, mit unseren Weinkunden unseren Wein wieder genießen zu können. Da ist oft eine freundschaftliche Ebene. Die Kunden kommen gerne zu unseren Events, sie haben Spaß. Die Bestätigung für die Arbeit fehlt.

Mit meinen 29 Jahren war ich bisher noch nie durch irgendwas eingeschränkt, auf einmal kann ich nicht munter nach Berlin fahren und durchs Brandenburger Tor laufen.

Die Freiheiten wieder genießen zu können – das werden wir danach hoffentlich alle wieder richtig tun!

Hast Du Urlaub geplant?

Ich wäre eigentlich über Ostern in Südtirol gewesen und für Sommer war Amerika geplant. Gebucht war aber noch nichts, ich habe also keine finanziellen Einschränkungen. Es sind halt Träume, die jetzt einfach verschoben wurden.

Grundsätzlich bin ich ein Freund von Österreich und Südtirol und könnte mir vorstellen, dass man das im August wieder realisieren kann. Ich fahre gerne zur Abwechslung weg, auch um gemeinsame Zeit mit meinem Freund zu haben. Aber wenn nicht, dann nicht, da bin ich sehr entspannt.

Möchtest Du meinen Leser noch etwas mit auf den Weg geben?

Ich würde mich freuen, wenn Deine Leser die Situation nutzen würden,  um die Landwirtschaft vor Ort in der Region mehr wahrzunehmen.

So wie wir gerade merken, dass die deutsche Medizinbranche erhalten werden muss, so geht es auch bei den Landwirten. Gerade die Tierhaltung – die Menschen ackern einfach jeden Tag. Natürlich kann man über viel und wenig Fleisch  diskutieren, aber die Menschen sind da, sie sorgen für eine Grundernährung. Wir Winzer stellen ja nur „das schöne Beiwerk“ her.

365 Tage im Jahr stellen Landwirte wertvolle Lebensmittel für uns her!

In der Landwirtschaft denken alle in Generationen. Ein Großteil der Landwirte arbeitet so, dass es an die nächste Generation weiter geht. Da würde niemand den Boden oder die Luft kaputt machen. Mein Vater ist jetzt 62 Jahre alt, der Weinberg steht seit 30 Jahren und so soll es auch weiter gehen. Dieses Grunddenken muss man den Verbrauchern näher bringen.

 

Herzlichen Dank für dieses Gespräch, liebe Mara!

Dir und Deiner Familie alles Gute und ein hoffentlich sehr ertragreiches Weinjahr für Euch.

Winzerin

NUNU Photography

 

Das Gespräch mit Mara der Winzerin habe ich bereits am 20. April geführt.

Nächste Woche gibt es eine Momentaufnahme aus Amerika!

 

Alles Liebe

Denise

 

 

7 Kommentare

  • Antworten Nicole 10/05/2020 at 11:40

    Liebe Denise,
    Was für eine wirklich interessante Momentaufnahme dieser jungen Frau. Toll, was sie geschafft und auf die Beine gestellt hat.
    Ich finde es schön zu lesen, wenn gerade auch so junge Menschen so gezielt durchs Leben gehen und sehen, was für Freiheiten und Möglichkeiten wir eigentlich haben. Und diese so schätzen
    Einen schönen Muttertag
    Viele Grüße
    Nicole

  • Antworten Kathrin Ratteit 10/05/2020 at 15:38

    Vielen Dank, für diesen Beitrag! Gut auch die Aussage bzw. Bitte die einheimische Landwirtschaft + Weinbau wert zu schätzen. Selbst unser konventioneller Landbau hierzulande ist meist wertvoller, als die „Bio-Produkte“ aus den verschiedensten Winkeln der Welt, weil die Landwirte hier sehr strengen Kontrollen unterliegen, bei denen auch Strafen durchgesetzt werden. Anderswo lässt sich leicht Bio darauf schreiben, was hier in Deutschland auf keinen Fall Bio wäre.
    Mag sein, dass diese Meinung wieder bei einigen auf harsche Kritik stößt, aber ich möchte einfach darauf hinweisen und auch Dank des Beitrages mit zu Nachdenken anregen.

    Liebe Grüße von Kathrin

  • Antworten Barbara 11/05/2020 at 18:32

    Liebe Denise / liebe Mara,
    da muss ich also „zu Dir nach Münster“ kommen, um über ein Weingut ganz in meiner Nähe zu lesen, das ich tatsächlich noch nicht kenne 😉😊
    Vielen Dank für den interessanten Beitrag – ich werde sicher mal einkaufen gehen…!
    Liebe Grüße,
    Barbara

    • Antworten fräulein | ordnung 11/05/2020 at 20:09

      Wie wunderbar! Das freut mich natürlich sehr!!!!

    • Antworten Mara 12/05/2020 at 7:29

      Liebe Barbara, wie schön, dass ein Blog uns vielleicht zusammenführt 🙂 Du bist gern hier auf dem Weingut willkommen, meld dich einfach kurz davor bei mir (Mara@Walz-Wein.de), dass ich auch sicher da bin.
      Liebe Grüße & einen schönen Tag, Mara

      • Antworten Barbara 12/05/2020 at 10:15

        Das mach ich!! Dankeschön 💚
        Liebe Grüße zurück 😊

  • Antworten Heidemarie Walter 18/05/2020 at 19:04

    Was für eine tolle, dynamische junge Frau mit einer sympathischen Ausstrahlung.
    Ich werde den Wein probieren. Bin schon neugierig drau.
    Danke, für die Momentaufnahme.

  • Antworten

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