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Momentaufnahme von einer, die krisenerprobt ist

13/04/2020

Momentaufnahme

Mich haben Geschichten anderer Menschen schon immer interessiert. Die echten Geschichten von Angesicht zu Angesicht erzählt. Ich will wissen, wie es den Menschen geht, was sie gerade fühlen. Welche Ängste sie haben, aber auch, welche Hoffnungen sie antreiben. So ist meine Idee zu „Momentaufnahme“ entstanden und seit dem Skype ich mit den verschiedensten Frauen.

Von einer, die krisenerprobt ist

Als Petra mir schrieb, sie sei bereits krisenerprobt und würde mir gerne für meine Interviewreihe zur Verfügung stehen, war ich gleich neugierig. Petra ist 44 Jahre alt und Grundschullehrerin von Beruf. Sie lebt mit ihrem Freund und dem Pudel Flauschi in Wiesbaden. Weil ihr Schule immer zu wenig war, hat sie noch vieles nebenher gemacht. Sie hat im Chor gesungen, in einer Laientheatergruppe gespielt, ein Fernstudium gemacht (Karikaturen und Comiczeichnen) und ist schon immer gerne kreativ gewesen.

Vor 3,5 Jahren hatte sie einen schweren Unfall mit lebensgefährlichen Verletzungen, der sie wie ein Computer auf Werkseinstellung zurückgesetzt hat. Alles musste sie neu lernen. Es hat fast 3 Jahre gedauert, bis sie wieder ganz hergestellt war. Von ihrer spannenden Reise zu sich selbst hat sie mir bei unserem Gespräch erzählt.

krisenerprobt

Liebe Petra,

wie geht es Dir gerade?

Aktuell geht es mir sehr gut. Ich finde die Situation gerade sehr kuschelig und gemütlich. Ich  kenne das aber auch schon, mich nur innerhalb eines sehr kleinen, überschaubaren Radius zu bewegen. Nach meinem Unfall konnte ich nicht laufen und habe gelernt, mich in unserer Wohnung zu beschäftigen. Für mich ist das also keine neue Situation.

Ich lag 4 Monate im Krankenhaus, Anfangs im künstlichen Koma. 6 Wochen habe ich nur auf dem Rücken gelegen, ohne mich bewegen zu können. Ein Jahr lang hatte ich einen Rollstuhl. Ich musste alles neu lernen: atmen, sprechen, essen. Aber in all der Zeit habe ich nie meinen Optimismus verloren.

Es ist erstaunlich, wie anpassungsfähig man in einer Krise wird. Ich hätte mir das selber nie zugetraut. 

Wir können so viel mehr leisten, als wir uns zutrauen, deshalb kann mich die aktuelle Lage auch nicht verunsichern. Ich bin absolut krisenerprobt. Corona ist schon ziemlich blöd, aber meine Erfahrungen nach dem Unfall geben mir viel Gelassenheit. Es geht weiter. Es geht IMMER irgendwie weiter.

Das sage ich – obwohl ich zur Risikogruppe gehöre. Meine Nieren wurden bei dem Unfall geschädigt und arbeiten jetzt nur noch auf Sparflamme. Wenn Nieren nicht richtig funktionieren, dann lagert sich Wasser überall im Körper und dann läuft die Lunge voll und man hat das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Das Corona eine Lungenkrankheit ist, finde ich also schon beängstigend.

Erst seit ein paar Monaten arbeite ich wieder, es ist aber unwahrscheinlich, dass ich nach den Osterferien wieder arbeiten werde. Solange es keinen Impfstoff gibt, kommt für mich kein Schuldienst infrage. Schon eine normale Grippe (gegen die ich geimpft bin) würde mich umhauen, Corona würde meinen Nieren aber den Rest geben.

Wie sieht Euer Alltag gerade aus?

Mein Freund ist deutlich älter als ich und nicht mehr im Berufsleben. Er geht jeden Tag die große Hunderunde, ich übernehme die restlichen, kürzeren Runden.

Ich habe meine Nähmaschine in unsere Wohnung geholt, die eigentlich in einer Ateliergemeinschaft steht, die ich mir mit 5 Frauen teile. In den letzten Tagen habe ich viele Schutzmasken genäht, die Nachfrage in meinem Umfeld ist enorm.

Was mir total hilft, ist Struktur, ein geregelter Tagesablauf. Das ist mir in der Zeit meines Unfalls schon wichtig gewesen: früh aufstehen, duschen, etwas Schönes anziehen. So läuft man keine Gefahr zu verlottern 😉 Auch hier zeigt sich der Vorteil, krisenerprobt zu sein.

Mir ist bewusst, wie dankbar ich dafür bin, keine finanziellen Sorgen zu haben. Sowieso bin ich für so viele Kleinigkeiten dankbar. Auch wenn ich durch den Unfall starke Schmerzen erfahren habe, so habe ich auch an Lebensqualität gewonnen. Ich lebe jetzt so viel intensiver und finde es fast ein bisschen schade, dass ich das nicht schon vorher so war.

Heute weiß ich: Nichts ist selbstverständlich!

Angst begleitet mich im Moment nicht. Ich war in so vielen Krankenhäusern, habe so viel tolles Personal kennengelernt. All die Pflegekräfte leisten so gute Arbeit und nehmen sich Zeit, die sie eigentlich nicht haben. Ich habe also volles Vertrauen in unser Gesundheitssystem. Aber ich gehe mit Schutzmaske und Handschuhen einkaufen!

Nach meinem Unfall habe ich in unserer Küche laufen gelernt, denn der Abstand zwischen den beiden Küchenblöcken war ideal, um hier ohne Krücken laufen zu können. Bis dahin konnte ich nicht wirklich kochen. Als ich dann ohnehin den halben Tag hier verbracht habe, habe ich einfach kochen gelernt. Deshalb habe ich auch heute wenig Langeweile, weil ich morgens schon damit beschäftigt bin, was ich kochen könnte.

Was würdest Du gerne machen, wenn wir diese Krise hinter uns haben?

Wir wollten zu Ostern eigentlich nach Amrum fahren, haben aber zum Glück noch nichts gebucht. Früher wollte ich gerne Fernreisen machen. Thailand oder so. Seit dem Unfall liegt mir da nicht mehr so viel dran, ich erfreue mich eher an den kleinen Reisen.

Aber ich würde wirklich gerne mal nach Münster. Münster kenne ich nur aus dem Fernsehen, es wird also Zeit!

Momentaufnahme krisenerprobt

Wie schön! Dann sag Bescheid, liebe Petra! Dann trinken wir zusammen einen Kaffee in meiner Heimatstadt!

Danke für das Gespräch, Deine Zeit und bleib gesund und unbedingt weiterhin so positiv!

 

Alles Liebe

Denise

 

 

 

  • Silke Brödnow 13/04/2020 at 13:33

    Liebe Denise und liebe Petra…..: eine beeindruckende Lebensgeschichte und es zeigt mal wieder was im Leben wirklich zählt. Es war sehr interessant deine Geschichte zu lesen….. stay strong, bleib gesund und vor allem fröhlich….. Lg Silke

  • Gabi 13/04/2020 at 13:59

    Hallo, welch eine beeindruckende Lebensgeschichte mit so einem großen Optimismus. Danke für die Offenheit das hier lesen zu dürfen und Danke für deinen wunderbaren Blog.
    Einen lieben Gruß
    Gabi

  • Ute Reimold 13/04/2020 at 14:26

    Vielen Dank liebe Denise, dass ich von dieser beeindruckenden Frau erfahren durfte. Tolle Idee ! Starke Frauen!! Grüsse vom Niederrhein Ute

  • Gundula Goldammer 13/04/2020 at 15:13

    Super ehrliche und berührende Geschichte, die Mut macht und klar aufzeigt, was wirklich wichtig ist im Leben 👍 Danke und LG Gundi

  • Anja 13/04/2020 at 18:08

    Wow, was für eine tolle Art, mit solch einem Schicksalsschlag umzugehen! Sehr beeindruckend, wie du, liebe Petra, dein Leben meisterst und wie viel von deinem Optimismus und deiner Lebensfreude schon in diesem kurzen Interview rüberkommen. Alles Gute dir! Danke, liebe Denise, für diese Momentaufnahme.
    Liebe Grüße von Anja.

  • Petra von FrauGenial 14/04/2020 at 17:17

    Was für eine starke Persönlichkeit! Man merkt wie viel Lebensqualität in Petra steckt, da zeigt es sich das man aus allem Nur das Positive sehen kann und wie schön es am Ende dann kommen kann!

  • Nicole 15/04/2020 at 12:12

    Liebe Denise,
    Danke für dieses beeindruckende Interview. Es rückt doch öfter Perspektiven gerade, wenn man liest, mit wieviel Kraft und Lebensmut Menschen durch Krisensituationen gehen und auch an ihnen wachsen. Dass ein solcher Weg oftmals zu den kleinen und dann den großen Zielen führt, macht petra uns beeindruckend deutlich. Schön, dass du ihr diesen Raum gegeben hast.
    Viele Grüße
    Nicole

  • Buchberger Doris 19/04/2020 at 8:51

    Liebe Denise,

    danke für dieses beeindruckende Interview. Ich schaue seit Ende letzten Jahres immer wieder Blog. Ich hatte in den letzten Jahren ziemlich viel Stress und bin im Herbst 2019 aus der „Kurve“ geflogen. Bin seit der Zeit zuhause und komme das erste Mal im Leben richtig runter. Deine Themen und Interview sind sehr erfrischend und ich freue mich immer sehr darauf. Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Liebe und Gute und bleibt gesund! 🌞

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